Minimalismus

oder doch nicht?

Wahrlich, wer wenig besitzt, wird um so weniger besessen: gelobt sei die kleine Armut!

Nietzsche: „Also sprach Zarathustra“

Spreche ich mit anderen, im üblichen Leben verwurzelten Mitmenschen, über meinen Umstieg, so wird in fast allen Fällen der geringe Platz angesprochen. Es sind ja tatsächlich nur etwa 18 qm, für einen Erwachsenen mit Hausrat nicht gerade üppig. Der nächste Punkt ist dann der mindere Komfort, also relativ kühl im Winter dafür recht heiß im Sommer, keine Waschmaschine, nur eine Kühlbox, ohne Stereoanlage (und gar ohne Fernseher!)… das, was der Kommerz suggeriert, was man in einer Wohnung so vorfinden sollte.
Im Gegenzug wird mir bescheinigt, dass meinem Leben der Hauch von Abenteuer, der ewige Urlaub, Entspannung pur eben anhaftet. Da kommt dann auch schon mal der Wunsch nach ähnlichen Umständen auf, wird aber dann schnell von den vielen, scheinbar nicht erfüllbaren Komfortfragen zurück gedrängt. Später vielleicht, wenn wir in Rente sind ..

Wenn die Zeit kommt, in der man könnte, ist die vorüber, in der man kann.

Marie von Ebner-Eschenbach

Wahr ist:
Ich muss mich einschränken. Ich bin weniger mobil, habe weniger Platz, weniger Besitz und bin auch deutlich weniger gut im täglichen Zirkus Arbeit, Nachbarschaft, Infrastruktur und was der Deutsche heute so beansprucht integriert. Ich habe alles, was nicht für meinen täglichen Bedarf gebraucht wird, auf ein Minimum reduziert. In einigen Dingen wie Geschirr, Möbel, Wäsche und anderes könnte man das schon arm nennen.

Weniger mobil ist manchmal schon mühsam. Der Diesel für die Maschinen wird in meinem Falle mit der Lastenkarre in Kanistern geholt. Manchmal eben öfter als einmal. Gas zum Kochen hole ich im Baumarkt, auch zu Fuß oder mit dem Rad. Der Einkauf wird mit Rucksack und Fahrrad erledigt, auch wenn es mal 30kg sind (Konserven, Getränke).
Weitere Strecken lege ich mit dem Mokick oder den öffentlichen Verkehrsmitteln zurück. In besonderen Fällen auch mit Leihwagen oder Carsharing.

Wenig Platz erzieht zum Haushalten. Sechs Stühle sind unsinnig (auch wenn diese gestapelt werden können), wenn ich nur zwei aufstellen kann. Eine Waschmaschine benötigt neben Platz auch ein ordentliches Fundament, sollte einen Trockener beinhalten und muss an die Wasserversorgung angeschlossen werden. Das Abwasser wiederum muss auch irgendwo hin. Mehr Strom bedeutet Landstrom, also Liegeplatz meist kostenpflichtig an einer entsprechenden Anlage und/oder mehr Akkus, mehr Solar oder einen Generator …
Das gleiche Spiel beginnt, wenn wir über eine Gefriereinheit nachdenken oder über einen großen Kühlschrank mit Gefrierfach.

Wir sehen, alles greift ineinander und will wohl bedacht sein. Am Anfang tat ich mich schwer. Ich strich um die Regale im Kaufhaus wie ein Kind um die Bonboniere, die Finger schon fest um den Geldbeutel gepresst und bereit, ja wozu eigentlich? Wo kommt dieser Wille zum Kaufen her? Man kann das bei sich oder anderen gut beobachten, der eine kauft wie wild in den Kleinanzeigen (Schnäppchen machen), der andere im Restpostenmarkt, hier mal schnell ein Angebot wahrnehmen, da noch etwas günstig schnappen und dann ab nach hause, wegstauen.
Das geht auf dem Boot nicht! Du wirst sehen, der Plunder wächst dir schnell über den Kopf und mal eben anbauen ist auch nicht so einfach.

Und ebenfalls wahr ist:
Befreit von diesem Kaufzwang wird das ganze Leben um einiges entspannter. Es stellt sich nach einer Weile eine Art Gelassenheit im Kaufverhalten ein und es wird nur eingekauft, was man auch benötigt. Vorratshaltung ist in Deutschland kaum notwendig, das machen die Anbieter für uns. Damit entfällt auch der teure Gefrierer, „just in time“ wird ja auch immer mehr in der Industrie angewendet. Das veränderte Konsumverhalten hat noch einen weiteren wunderbaren Nebeneffekt: das ganze Leben wird billiger, du hast mehr Zeit!

Wir leben in einer Zeit vollkommener Mittel und verworrener Ziele.

Albert Einstein

Unser wichtigstes Gut ist unsere Zeit. Das und unser Wissen/Können im Verbund mit unserer Restgesundheit ist das, was wir verkaufen um zu leben. Reduziere den unsinnigen Konsum und du hast Zeit, Zeit um zu leben.

Erste Erweiterung meiner Gedanken.

Schon in der Klassik (480-320 v. Ch.) haben die Griechen verstärkt nach dem Sinn des Lebens geforscht und versucht, Glück zu erklären. Bekannte Philosophen jener Zeit sind zum Beispiel Platon und Aristoteles (nach denen die Philosophie dieser Epoche später auch benannt wurde). Beide kamen zu dem Schluß, dass der Besitz glücklich macht, die Erfüllung des Strebens nach Besitz und dieser Zustand, das Glück, von jedem Menschen anders interpretiert wird. Damit ist also das Glücklichsein losgelöst von einem bestimmten Besitz und muß individuelle Vorstellungen erfüllen.

Das kann mit scheinbaren Selbstverständlichkeiten erfüllt werden, zum Beispiel wird der Kranke die Gesundheit als erstrebenswerten Besitz nennen, der Einsame die Liebe, der ständig hungrige Nahrung und so weiter. Damit uns unsere Phantasie nicht im Stich läßt, greifen an dieser Stelle unsere Gruppe und die Werbung stützend ein und erschaffen für uns die ideale und erstrebenswerte Welt. Sei es die Traumfigur, das neueste Handy, der grösste Fernseher mit Internet und Dolby surround 7.1 oder das tollste Auto, nie werden wir allein gelassen.
Und politisch korrekt streben wir nach Wachstum, Wachstum, Wachstum (also immer mehr). Hoch vom Sofa und ab in die Kaufhalle (auch virtuell genehm 🙂 ).

Tatsächlich hat dieses Streben nach Glück und Besitz eine Basis in unseren Genen. Beim Kaufen wird ein Botenstoff ausgeschüttet, das Dopamin, welcher uns belohnt – wie ein Äffchen mit einer Banane. Der Reiz ist um so stärker, je grösser das scheinbare Schnäppchen ist (es reicht die Vorstellung). Suchtverhalten wird daraus, wenn die Handlung nur noch auf die Belohnung abzielt und zum Selbst-zweck mutiert. Das Dopamin gilt in der Wissenschaft auch als Ausgleich für Stress, Unglück oder Trauer. Ich glaube Stress hat der moderne Mensch mehr als ausreichend, kein Wunder also, diese Kaufwut.

Was tun aus meiner Sicht?

Nun kann ich gut reden (hier eben schreiben), aber wie kann ich mich schützen vor dieser Tretmühle Arbeit, Kredit und noch mehr Arbeit, Geltungsdrang, Kaufwut, Gier, Neid und vor allem, wie komme ich von diesem anerzogenen Ast wieder runter? Vorab gleich mal eines, zu 100% wird mir das nicht gelingen, dazu sind wir einfach zu sehr gesteuert von internen Mechanismen, welche wir kaum beeinflussen können. (Wesentliche?) Teile unseres Denkens werden von der Darmflora gesteuert, andere vom Hormonhaushalt (hmhm) und wieder andere durch ausgetretene (oder vorgedachte) Bahnen im Großhirn. Gegen den Strom schwimmen ist Arbeit.

Ich kann hier nur davon berichten, wie ich damit umgehe. Teilerfolge können nämlich auch glücklich machen. Zum einen verzichte ich auf Fernsehen und damit auf die Werbungen. Auch Produkt-placement (der Kommisar fährt also dieses Auto und hat jenes Handy) geht zum Teil an mir vorbei. Ohne Briefkasten erreichen mich auch keine Werbebeilagen in den örtlichen Presseprodukten, ich surfe mit Werbeblocker und akzeptiere keine Cookies. Das hilft tatsächlich. Zum Einkaufen gehe ich mit Einkaufszettel und alles was nicht drauf steht wird hinterfragt.
Das Hinterfragen geht so, dass ich erst mal zu erkennen versuche, welchem Reiz ich ausgesetzt war. Werbeaufsteller mit „Aktion“ oder „Rabatt“ oder „nur heute“? So etwas weckt den Jagdtrieb, setzt mich unter Zeitdruck und in Erwartung einer erhöhten Dopaminausschüttung greift man schneller zu. Liegen lassen und eventuell später mitnehmen, wenn der Bedarf noch vorhanden scheint. Meistens hat man vergessen, was das überhaupt war.

Um so mehr Bohai um ein Produkt gemacht wird, um so größer ist der Mist, der uns da verkauft werden soll. Und wenn es dann auch noch unverschämt günstig erscheint, dann kann das nur
Minderwertiges und/oder Nutzloses sein. Der Markt gibt solche Schnäppchen einfach nicht her, dazu sind alle Möglichkeiten viel zu sehr ausgelutscht. Und bei allem gilt es zu bedenken, wer billig kauft,
kauft zwei mal! Ich achte auf wertige Produkte und kaufe lieber teure Qualität statt hübschen Plunder. Wobei, zu teuer darf es auch nicht sein 🙁 .

Und.. Erfolg?
Ein klares Jein. Ich befinde mich noch in einem Auf und Ab. Im Täglichen geht es sehr gut. Beim kleinen Einkauf bleibt es meistens bei dem, was ich mir vorstelle. Und doch schleiche ich immer noch um die Schnäppchenregale 🙁
Manchmal aber erwischt es mich und ich leiste mir doch irgendeinen Plunder, der dann nur herum liegt. Mein letzter Fehltritt war ein Tablet, nett, aber nicht notwendig. Verglichen mit meinem Verhalten von vor zwei Jahren ist aber eine deutliche Verbesserung zu verzeichnen.

Jetzt könnte man sich fragen, ob dieser Verzicht auf Luxus, auf unbeschwertes Einkaufen ohne alles in Frage zu stellen, dieses Beschränken, ja Einschränken nicht die Spaßbremse im Leben ist? Ist das Leben denn jetzt überhaupt noch lebenswert und wichtiger gar, ist man so noch gesellschaftsfähig?
Durch den Wandel im Denken kommt es nicht zum Verzicht. Zum maßvollen Konsumenten wird man durch die andere Denkweise und das Gewichten von Dingen, die in unserem überhasteten Leben normalerweise keinen Platz haben. Innehalten und das Jetzt wahrnehmen und geniessen. Das musste ich erst wieder lernen. Hinsehen und das Gesehene wie ein Kind aufnehmen. Ohne Vorbehalte und Abwehrhaltung. Es ist erstaunlich, was man alles sieht und, mit dem Wissen eines Erwachsenen kombiniert, erkennt.
Zudem nimmt auch unsere Umwelt uns anders war. Ich empfinde mittlerweile eine tiefe Freude daran,
mit anderen zu plaudern, Belangloses ebenso wie Tiefschürfendes. Ich bin gespannt, wie sich das entwickelt!
Es ist einfach herrlich so zu leben 🙂